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100 Wahrheiten, Folge 54: Foley artist

That’s not what I do.


Als ich vor einiger Zeit mit der Schule fertig war, meinen Zivildienst abgeschlossen hatte und schon eine gewisse Idee hatte, in welche Berufssparte ich irgendwann mal reinrutschen wollte, tat ich das, was jeder aufstrebende Medienmensch tut: Ich bewarb mich um Praktikumsplätze. Es dauerte auch nicht lange, und mit ein bisschen Hilfe von Kontakten wurde ich das erste Mal offiziell Praktikant einer Fernsehproduktionsfirma. Mein erster Auftrag dort: Foley artist.

Moment, ich fang lieber ganz von Anfang an.
Beinahe jeder kennt das Phänomen, wenn man in einer lockeren Runde ist und sich über Berufe und Tätigkeiten unterhält. Eine oder einer in der Runde ist immer Hotelfachfrau oder -mann. Eine oder einer in der Runde studiert immer BWL. Wieder eine andere oder ein anderer studiert Veterinärmedizin. Und überall ist es das gleiche Schema, wenn man zuerst auf das Thema zu sprechen kommt.

Ach, du bist Hotelfachfrau? Das heißt, du machst die Betten und putzt die Toiletten? Ahja…

BWL? Ohje, da musst du dich ja nur mit Zahlen rumärgern. Nervt das nicht?

Veterinärmedizin? Das ist doch nur ein langes Wort für Tierarzt. Du gibst doch bestimmt eh nur Katzen irgendwelche Beruhigungsmittel.

Viele Leute denken, sie wüssten von einer einzigen Bezeichnung gleich alles über den Job, obwohl sie damit überhaupt nichts am Hut haben. Eine Hotelfachfrau lernt sehr viel mehr als nur Betten zu machen, ein BWL-Student ärgert sich noch mit viel mehr als nur Zahlen rum, und eine Tierärztin schläfert nicht nur Katzen ein.
Besonders schlimm ist es bei meinem Beruf. Mediengestalter klingt ja noch einigermaßen pompös, aber Kameraassistent… Das hat schon irgendwie einen niedrigen Klang, geb ich gern zu. Kameramann? Klar, kennt jeder, der ist für das Bild verantwortlich, der sorgt dafür dass ein Film gut aussieht. Aber der Kameraassistent? Was macht der denn? Reicht der dem Kameramann ein Taschentuch, wenn der sich mal die Nase putzen muss?

Bildklau von focus.deDie allgemeine Annahme ist, dass ein Kameraassistent gleich Kabelträger bedeutet. Der Kerl, der missmutig ein langes Kabel schleppt und dafür sorgt, dass der Kameramann nicht stolpert. Der Kerl, der am Set am wenigsten Lohn bekommt und eigentlich froh sein darf, wenn er nicht ständig auf dem Boden rumrutschen muss.
Tatsache ist aber: Kameraassistenten sind keine Kabelträger, Kabelträger sind Kabelträger. Und am Set verdient ein Kabelträger deutlich mehr, als der typische Kritiker sich träumen lassen würde. Und Kabelträger haben weitaus mehr Verantwortung, als nur ein Kabel zu schleppen. Das Tolle an Film und Fernsehen ist nämlich: Die komplette Belegschaft ist ein Team. Und in diesem Team ist der Kabelträger genauso wichtig wie der Kameramann, der Runner genauso wichtig wie der Best Boy und so weiter. Nichts funktioniert, wenn nicht alle gemeinsam und zusammen arbeiten.

Aber zurück zu meinen Anfängen in der Branche. Mein erster Job, den ich als Praktikant einer Fernsehproduktion hatte, war also der so genannte foley artist. Und weil ich keinem zumuten will, nach der Definition zu suchen, verrate ich es ganz kurz und knapp: Der foley artist ist derjenige, der in einem Film für die Geräusche verantwortlich ist. Wird in einer Szene knackend in einen Apfel gebissen? Da war der foley artist am Werk. Wird klickend eine Waffe gezogen, klatscht eine weibliche Hand auf eine männliche Wange, knirscht ein Auto mit der Stoßstange an einen Pfeiler? Da war der foley artist am Werk.
So einer war ich also. Ich bastelte mir im Tonstudio diverse Szenarien, mit denen ich mit skurrilsten Mitteln die normalsten Geräusche herstellen konnte. Mit Packer-Handschuhen auf eine gespannte Plastikfolie zu klatschen, ergab das Laufen nasser Füße auf Marmorboden, das langsame Drehen eines Füller-Verschlusses ergab Türknarzen. Die Möglichkeiten sind quasi endlos, und hinterher kommt keiner auf die Idee, dass man Unter-Wasser-Tonaufnahmen mit einem Glas Marmelade simuliert hat.

Jetzt könnte man natürlich sagen: “Ach, da war der halt foley artist. Taucht im Abspann immer als letztes auf und spielt nur mit Bastelsachen rum.” Aber wie auch die Hotelfachfrau nicht nur Betten macht, macht auch ein Praktikant einer Fernsehproduktion nicht nur Geräusche. Eine wirklich extrem gekürzte Aufzählung: Ich habe gelernt, Geräusche zu produzieren, aber auch, wie man richtig Licht setzt, wie man die Filmklappe beschriftet, wie man die Kamera bedient, wie man einen Film vertont, wie man filmreif spricht, wie man einen Film schneidet. Als Mediengestalter habe ich nicht nur gelernt, wie man ein Stativ aufbaut, sondern auch, wie man mehrere Tonquellen störungsfrei mischt, wie man Sonneneinstrahler vermeidet, wie kurz man einen Nachrichtenbeitrag konzipieren muss damit er nicht an Spannung verliert, wie man Schienen für Kamerafahrten aufbaut, wie man gedrehtes Material bearbeitet und erweitert, und ganz besonders wichtig: Ich habe gelernt, wie man respektvoll miteinander umgeht und im Team arbeitet.
Und ja, natürlich habe ich auch gelernt, wie man ein Kabel richtig aufrollt, damit es keine Brüche bekommt.

Bildklau von domgeefilms.comAls Mediengestalter und Kameraassistent bin ich also sehr viel mehr als nur Kabelträger. Ich bin Tonmeister, Beleuchter, Aufnahmeleiter, führe teils Regie und kümmere mich manchmal sogar noch um die Protagonisten. Das, was bei einer großen Hollywoodproduktion mindestens acht Leute erledigen, mache ich allein. Nun, nicht ganz allein, denn wie schon erwähnt, arbeiten wir im Team. Das, was bei einer großen Hollywoodproduktion mindestens zwölf Leute erledigen, machen wir zu zweit oder höchstens zu dritt. Das soll uns erst mal einer nachmachen.

Vielleicht konnte ich ja hiermit ein paar Horizonte erweitern und Vorurteile lockern. Und wenn mich wieder mal jemand anspricht mit: “Hm, Kameraassistent… Du trägst also die Kabel.“, dann haue ich ihm diesen Blogeintrag um die Ohren. Und ich lade Hotelfachfrauen, BWL-Studenten und Veterinärmediziner herzlich dazu ein, in so einer Situation dasselbe zu tun.

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