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100 Wahrheiten, Folge 41: Alte Leute sind kontaktfreudig

Hallo junger Mann!


Wer kennt das nicht? Man sitzt irgendwo an einer Haltestelle, in irgendeinem Amt oder sonstwo und wartet auf etwas. Sei es auf den Bus, auf den staatlichen Angestellten oder gar auf ein Testergebnis beim Arzt. Und selten sitzt man bei solchen Warte-Gelegenheiten ganz allein, öfters sind noch ein paar ältere Herrschaften in nächster Umgebung, bei denen man nicht weiß, ob sie nicht vielleicht schon ein paar Tage dort hocken und einfach vergessen haben, auf was sie warten. Und da diese älteren Leutchen oft nicht mehr viel sozialen Umgang haben, proben sie das natürlich gern an total fremden Personen, um auch ja nicht einzurosten.

So geschah es mir, als ich am Sonntagnachmittag mit dem Bus fahren wollte. Sonntags fahren die Busse natürlich nicht ganz so regelmäßig wie an Werktagen, also muss man schon mit ein bisschen Wartezeit rechnen, und da ich schon daran gewöhnt bin, habe ich grundsätzlich die Ohrstöpsel in den Ohren und lausche genüsslich meiner Lieblingsmusik. Ich saß also ein paar Minuten an der Haltestelle und summte ein bisschen die Lyrics von In Fear And Faith mit, als plötzlich eine ältere Dame auf mich zugewackelt kam, mich angrinste und irgendwas sagte. Ich entfernte eher lustlos die Ohrstöpsel und fragte: “Wie bitte?” und sie antwortete mit einem großmütterlichen Lächeln: “Jetzt ist uns der Bus weggefahren. Jetzt müssen wir warten. Das dauert immer so lange.

Ächz. Ja, ist gut. Ich hab ehrlich gesagt absolut keine Lust, mich mit Fremden über so einen Quark zu unterhalten. Also kurz genickt und demonstrativ wieder die Ohrstöpsel eingesteckt. Und siehe da, die Olle schien es zu kapieren und wackelte an mir vorüber, setzte sich ein bisschen entfernt auf einen freien Platz und schwieg.
Es dauerte allerdings keine zwei Minuten, als erneut jemand auf mich zugewackelt kam, diesmal ein älterer Herr mit einem sehr erbosten Gesicht. “Was steht da?” blökte er mich an, nachdem ich die Ohrstöpsel wieder rausgenommen hatte. Er zeigte großspurig auf die Tafel, auf der die Busfahrzeiten stehen, und grollte: “Letztens stand da noch Juli. Jetzt steht da schon August! Das ist doch typisch!
Oh Mann. Nochmal halbwegs freundlich nicken, Ohrstöpsel wieder ins Ohr und einfach zur Seite drehen. Der Opa schien das aber nicht so gut zu verstehen wie die Oma vorher, er laberte einfach weiter auf mich ein und versuchte mich davon zu überzeugen, dass die VGF ja ein Ausbund der Unverschämtheit sei und ihn mit Absicht immer länger als notwendig warten lassen würde. Er war tatsächlich der Ansicht, dass er der Einzige sei, der auf den Bus warten müsste. Zumindest hab ich das in einer kurzen Pause zwischen zwei Liedern rausgehört.

Ist das denn nur bei mir so? Bin ich der Einzige, dem das so auf den Keks geht, wenn einen alte Leute ununterbrochen ansprechen und mit ihren Problemchen zulabern müssen? Ist ja durchaus verständlich, dass sie – wenn sie mal unterwegs sind – so viel wie möglich reden wollen, da sie ja sonst kaum Gelegenheit dazu haben. Aber muss das ausgerechnet immer dann sein, wenn ich in der Nähe bin?
Na gut, ich hab das ja auch schon mehrfach beobachtet, als ich ausnahmsweise mal nicht Opfer der Palaver-Attacke war. Da marschieren alte Omis in die U-Bahn und bekommen von einer jungen Dame – so wie es sich gehört – einen Sitzplatz angeboten. Die Dankbarkeit über diese so simple Geste wird aber nicht nur in einem “Danke” ausgedrückt, oh nein. Da wird ein ganzer Roman geschwallt.
Ach, das ist aber nett. Wissen Sie, es ist ja so schwer, im Alter noch richtig stehen zu können. Und das Laufen geht auch nicht mehr so gut. Manchmal verbringe ich zehn Minuten damit, überhaupt aufzustehen. Seit meiner Operation an der Hüfte muss ich auch diese Gehstöcke benutzen, dabei mag ich die überhaupt nicht. Sie sehen aus wie meine Enkelin, die ist genauso hübsch wie Sie. Ach, wenn doch mein Mann nur noch leben würde, der würde Ihnen auch sagen können, wie hübsch Sie sind. Kennen Sie meine Enkelin? Hier, ich zeige Ihnen mal ein Foto.

Argh! Entschuldigung, aber wen interessiert das? Es heißt doch nicht umsonst “Dein Problem!” Es scheint, als bliebe mir wirklich nur die eine Möglichkeit, dem Gelaber zu entfliehen: Musik lauter machen, gebannt auf die vorüberziehende Landschaft schauen und je nach Möglichkeit einfach stehenbleiben, am besten außerhalb der Reichweite der für alte Leute beliebten Sitze mit dem weißen Kreuz darüber.

Categories: 100 Wahrheiten, Lesestoff
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