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100 Wahrheiten, Folge 38: Stampeden

Muuuh!


Wie, du weißt nicht was eine Stampede ist? Hast du nie den Comic von Onkel Dagobert gelesen, in der er eine Stampede aufhalten muss? Schlimm ist das. Dann darf ich mal kurz zitieren:

Unter einer Stampede oder Herdenpanik versteht man einen spontanen Zusammenschluss von (meist wilden) Tieren, der plötzlich zusammen zu laufen beginnt, ohne einen erkennbaren Grund oder eine eindeutige Richtung.


Wie komme ich nun auf dieses seltsame Thema? Naja, vor einiger Zeit war ja mal wieder das wundervolle Bergerstraßenfest in Frankfurt, und als Frankfurter hat man da einfach hinzugehen. Ich zählte sogar sieben Personen, die ich kannte. Klingt vielleicht nicht viel, aber es ist ein Wunder, in so einer Menschenmasse überhaupt ein Gesicht länger als eine Zehntelsekunde zu sehen und dann auch noch zu erkennen.

Die meisten meiner Leser sind wahrscheinlich eher so Landeier, die froh sind, wenn einmal im Jahr irgendeine Kerb in ihrem Dorf stattfindet, damit sich alle 8.000 Einwohner auf dem Marktplatz versammeln und gemeinsam die Krüge heben. Dort sieht man dann ungefähr 2.500 bekannte Gesichter, begrüßt alle freundlich und mit Handschlag und ist froh, sich mal außerhalb der Standardwege zum Aldi oder von der Dorfdisco zu begegnen. In Frankfurt sieht das alles ein bisschen anders aus.

Früher war das Bergerstraßenfest noch genau so eine Attraktion, man traf viele Freunde, trank zusammen, unterhielt sich und lachte und scherzte. Aber das ist leider schon ein paar Jahre her. Mittlerweile ist das früher so unterhaltsame Fest zu einer reinen Stampede verkommen (Kuck, da hab ich das Thema wieder!). Im Klartext heißt das: Man kommt an, staunt über die anscheinend Millionen Menschen, die sich da auf einer einzigen Straße tummeln, und wirft sich mit Herz ins Geschehen. Weit kommt man allerdings nicht, denn die Masse bewegt sich nicht wirklich. Die meisten Rücken, gegen die man stolpert, sind erstaunlich breit und stabil. Die obligatorischen Ellbogen, die man in Magengrube und Rippen bekommt, sind bereits von diversen Wühltisch-Prügeleien erprobt und härter geworden.

Was soll nun so toll sein am Bergerstraßenfest, wenn man vor einer Mauer aus Menschen steht?, fragt man sich. Und kaum hat man diesen Gedanken zu Ende gedacht, passiert es auch schon. Ein weiterer fröhlicher Mitmensch stolpert einem in den Rücken und gleichzeitig weicht die Menschenmauer vor einem ein Stück nach vorne, weit genug dass man niemanden anrempelt. Und dann geht alles ruckzuck. Die Menschenmasse erreicht eine Dynamik, die ihresgleichen sucht. Geliebte Personen hält man erfahrungsgemäß ständig an der Hand fest, um sie nicht zu verlieren. Taumelnd und torkelnd geht es voran, ein bisschen links, ein bisschen rechts, und dann tauchen die ersten Fressbuden auf. Links gibt es Döner, rechts mexikanische Verkehrsunfälle auf Papptellern serviert. Weiter, weiter! Ein Eiscafé hier, ein Erdbeerbowle-Stand da. In gewissen Abständen stockt die Masse für ein paar Sekunden, um sich etwas genauer anzusehen, aber dann wird man schon wieder weitergerissen. Es ist, als ob man in einen starken Gebirgsfluss gefallen ist und sich nicht mehr so wirklich aus dem Strudel befreien kann. In der Ferne taucht ein Flohmarkt von Kindern auf, man entdeckt zerlesene Micky-Maus-Heftchen und Barbie-Puppen. Ein paar Mütter bleiben stehen und überlegen – zu lange. Weiter, weiter! Der Mob setzt seinen unaufhaltsamen Gang fort.
Links taucht eine Bratwürstchenbude auf, und man vernimmt ein allgemeines Schmatzen und laute Kaugeräusche. Von der rechten Seite fliegt Gelächter herüber, auf einer Kiste steht ein Pantomime mit weißem Gesicht und lässt sich mit Touristen fotografieren. Doch den Mob hält nichts auf. Man fühlt sich, als wäre man schon Kilometer gelaufen, aber als man sich rumdreht, ist die Straßenecke, an der man sich mutig in die Menge warf, nicht mal hundert Meter weit entfernt. Weiter, weiter!

Ein lauter, schneller Bass dröhnt von irgendwoher auf einen ein. Der Pöbel stockt wieder kurz, registriert die Bühne von namhaften Radiosendern und die darauf befindliche “Band”. Die Männer an den Instrumenten sehen aus, als würden sie in ihrer Freizeit entweder LKW kutschieren oder Eichhörnchen am Stiel grillen und verspeisen, die Frontfrau hat sich schön rausgeputzt mit ihren 79 Kilo, von denen mindestens zwei von der Schminke im aufgedunsenen Alkohol-Gesicht stammen. Sie singt klassische Volkslieder und schlechte Coverversionen von beliebten aktuellen Schlagern. Man will seine Ohren schonen und weitergehen – doch der Mob rührt sich nicht! Zum Teufel, was ist los? Sind denn alle taub? Oder sind sie vom Bühnenbasilisken eingefroren worden? Man drängelt, stößt und schubst, aber viel Bewegung kommt nicht in die Mauer. Man tritt auf ein paar Füße und bekommt als Retourkutsche ein paar Ellbogen in die Seiten, aber nichts tut sich. Da! Da vorne, eine Lücke! Schnell hin!

Wenn man die Plärrbühne hinter sich gelassen hat, massiert man sich die schmerzenden Ohren und fragt sich, warum der Pöbel immer noch dort verweilt und fröhlich die Humpen hebt. Ein paar Meter weiß man den Grund und versucht einigermaßen flach zu atmen, um so wenig wie möglich von dem stechenden Geruch des Fischbrötchenstands mitzukriegen. Ist auch diese Hürde überwunden, wartet schon der nächste Mob auf einen. Wieder integriert man sich in die kompakte Menschenmasse und lässt sich einfach mitschieben. Rechts werden Teppiche verkauft, links tanzen Kinder auf einer erstaunlich großen Bühne zu Tabaluga-Musik. Weiter, weiter! Es riecht nach Farbe und Lack, man weiß nicht genau ob es die Gemälde auf der linken Seite oder der Frisör-Stand auf der rechten Seite sind. Weiter vorne werden Tattoos an Ort und Stelle gepinselt, und man fragt sich, was passiert, wenn dort ein Besoffener Randale macht und gegen einen Tätowierer stolpert. Ein paar Meter weiter fragt man sich dasselbe noch mal, diesmal beim Piercing-Stand. Würde man hier mit einem Magneten vorbeilaufen, hätte man kinderleicht ein paar Frauen geangelt.

Nach gefühlten acht Kilometern wird der Pöbel langsam verstreuter, die Menschen gehen an die Seite und verschnaufen kurz, kaufen sich was zu trinken und bestaunen die angeblich selbstgestrickten Hüte am Afrika-Stand. Komisch, da war man so lange unterwegs, und doch hat man nur so wenig vom eigentlichen Bergerstraßenfest mitbekommen. Es heißt, es gibt noch einen Schwenkgrill in der Mitte. Nach so einem Gewaltmarsch knurrt der Magen, und man beschließt, das Risiko zu wagen. Mit einem lauten “Muuuh!” schmeißt man sich wieder ins Getümmel und lässt sich von der einer in Panik handelnden Rinderherde ähnelnden Masse mittragen, in der Hoffnung, dieses Mal schneller an der Schlager-Bühne vorbeizukommen. Und dann geht das Schauspiel wieder von vorne los.

Categories: 100 Wahrheiten, Lesestoff
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