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Archiv für Juli, 2009

100 Wahrheiten, Folge 44: Hausfriedensbruch

29. Juli 2009 Keine Kommentare

Hoch lebe der Schornsteinfeger!


Ein weiteres Kuriosum des Kurzurlaubs war ohne Zweifel der Schornsteinfeger. Dabei handelt es sich um eine ziemlich seltsame Geschichte, die ich dir nun ohne viel Gedöns erzählen will.

Am Dienstagabend waren wir zu dritt in Korbach unterwegs, weil wir Hunger hatten und mal auswärts essen gehen wollten. Die nordhessische Küche musste ja auch mal probiert werden. Dummerweise war das Restaurant, für das wir uns ursprünglich entschieden hatten, geschlossen, weil irgendwelche Umbaumaßnahmen anstanden und sowieso kaum noch Essen in der Küche lagerte. Also marschierten wir ein bisschen ziellos durch die Gegend, in der Hoffnung, an einem anderen Restaurant vorbeizukommen, das unserem kritischen Blick standhalten würde. Viel gab es allerdings nicht, und nach ein paar Minuten streunten wir wieder in Richtung Hauptstraße. Zumindest hatten wir das vor, aber wir gerieten in eine kleine Seitenstraße, von der aus nur eine andere Straße und ein ziemlich großer Innenhof abgingen. Der groben Richtung nach musste die Hauptstraße hinter diesem großen Hof liegen, also wollten wir nachsehen, ob man vielleicht da durchgehen konnte. Das war wohl ein mächtig großer Fehler.

Als wir nämlich auf den Hof zugingen, kam uns ein etwas betagter Renault Kangoo (oder etwas vergleichbar hässliches) mit einer Schornsteinfeger-Aufschrift entgegen, und Mann und Frau hinter der Windschutzscheibe starrten uns an, als wären wir von einem anderen Planeten oder hätten große Hakenkreuze auf den Klamotten kleben. Es dauerte auch keine zehn Sekunden, da drehte dieses Auto um, der Fahrer kurbelte sein Fenster runter und nieste uns im unfreundlichsten Ton, den ich jemals vernommen hatte, an: “Darf ich fragen was die Herrschaften suchen?
Da wir es nicht genau wussten, sagten wir eben genau das, aber das schien wohl der nächste große Fehler gewesen zu sein. Der Schornsteinfeger-Kerl taxierte uns kurz mit Blicken und meckerte dann: “Dann empfehl ich Ihnen, dass Sie schleunigst wieder rumdrehen, das da vorne ist nämlich Privatgelände, und wenn Sie da ‘nen Fuß draufsetzen, ist das ganz schnell Hausfriedensbruch!

Hallo? Hausfriedensbruch? Sind wir hier in Amerika oder was? Abgesehen davon, dass wir nichts Böses im Sinn hatten, hatten wir seinen wertvollen Hof noch nicht mal betreten, also hatte er eigentlich gar keinen Grund, so schlecht drauf zu sein. Mein Bruder und seine Freundin reagierten beide ziemlich wütend, mit Kommentaren wie: “Halt’s Maul!” und “Das kann man auch freundlicher sagen!“, während ich angesichts dieser skurrilen Situation einfach nur loslachen musste. Wie gern wäre ich nun absichtlich auf seinen Hof gegangen und hätte mal in den Briefkasten gelunst, aber ich hatte das Gefühl, dass der ungebumste Kerl dann wirklich ausgestiegen und mit den Fäusten auf mich losgegangen wäre, und mit Schornsteinfeger-Fäusten lege ich mich grundsätzlich ungern an. Außerdem sah seine Frau auf dem Beifahrersitz so aus, als würde sie gleich losheulen, weil ihr Mann immer so ein verdammter Choleriker sein muss und sie nachts grün und blau prügelt.

Wir versuchten also ein bisschen die Situation zu schlichten, drehten uns um und gingen in die andere Richtung, um auf anderem Wege auf die Hauptstraße zurückzukommen. Wir gingen an der Straßenecke nach rechts, der Schornsteinfeger wollte nach links abbiegen. Als Alex ihm dann noch den Stinkefinger zeigte, röhrte er allerdings mit dem altersschwachen Motor auf, bog rechts ab und folgte uns weiter, um uns aus seinem fahrenden Auto anzuschreien: “Hörn’se mal, junge Frau, Sie sind wohl auf ‘ne Anzeige scharf? Das könn’se haben, kein Problem, ich hab da gar keine Hemmungen!” Ich hielt mir den Bauch vor Lachen, und Alex hielt sich gerade noch im Zaum, um ihm nicht durch das geöffnete Fenster vier Zähne auszuschlagen. Vermutlich scheuchte ihn dann aber die Frau ein bisschen, und so kurbelte er das Fenster wieder hoch und fuhr weiter seines Wegs – allerdings nicht, ohne uns genauestens im Auge zu behalten.

Rache ist süß!


Während des Essens überlegten wir uns andauernd, was wohl der Grund für so ein unmögliches Verhalten sein konnte. Meine Vermutung ist ja, dass der Mann wirklich mental krank und starker Choleriker ist. Möglicherweise hatte seine Frau ihn auch betrogen, oder er wurde vor ein paar Tagen von ein paar Mittzwanzigern überfallen und ausgeraubt. Vielleicht hatte er auch aus lauter Wut seine Kinder gefressen, als die mal wieder eine fünf im Zeugnis bekommen hatten, und die bekamen ihm jetzt schlecht. Wir wissen es nicht genau, aber vielleicht erfährt man ja demnächst noch irgendetwas, in so einem Kaff kennt ja eigentlich jeder jeden.

Als ich abends dann im Bett lag, konnte ich mir einfach nicht helfen: Ich musste mir unbedingt Sachen ausdenken, die man ihm antun könnte, um ihn noch weiter zu provozieren. Folgende Ideen finde ich ziemlich amüsant:

  • Gartenstuhl-Methode
    Man postiert sich in einem Gartenstuhl auf dem Bürgersteig direkt vor seinem Hoftor und wartet. Wenn er vorbeikommt und einen anscheißt – man sitzt auf einer öffentlichen Straße, also kann er nichts unternehmen. Man behindert ihn nicht, man gefährdet niemanden, also kann man auch nicht weggeschickt werden.

  • Spray-Methode
    Gut, Sprayen ist vielleicht zu übertrieben, da kann man schon belangt werden. Aber mit Kreide sollte es kein Problem sein: Einfach vor seinem Hoftor ganz groß “Innenhof zu besichtigen! Klingeln für Informationen!” auf den Bürgersteig malen und warten, bis der Choleriker den ersten Passanten mit einem Teppichklopfer nach draußen begleitet.

  • Hilfe-Methode
    Wer sich verlaufen hat, darf doch wohl Hilfe erwarten, oder? Also klingelt man jeden Tag an seiner Haustür und fragt ganz schüchtern, wo denn der nächste Einkaufsmarkt sei, man habe sich verlaufen und finde sich allein nicht so ganz zurecht. Mit mehreren Personen wird es umso spaßiger.

  • Zucker-Methode
    Guten Tag, ich bin Ihr Nachbar von gegenüber, könnten Sie mir vielleicht freundlicherweise mit ein bisschen Zucker aushelfen?” Ein Klassiker. Fies: Alle paar Stunden nachfragen. Besonders fies: Ihm den geliehenen Zucker in den Autotank kippen. Aber das dürfte schon wieder rechtliche Probleme geben.

  • Social-Network-Methode
    Da der gute Herr einen durchaus wichtigen Job hat und somit in diversen Branchenbüchern vertreten ist, ist er auch bei Google zu finden. Und wer bei Google zu finden ist, kann bewertet werden. Was würde er wohl sagen, wenn er eine Menge Bewertungen à la “Selten so unfreundlich behandelt worden!” und “Schrecklicher Umgangston, niemals wieder!” bekäme?

  • Bestell-Methode
    Einmal pro Woche eine Mammut-Bestellung bei einem Lieferservice aufgeben und seine Adresse nennen. Fies: Essen bestellen, gegen das er allergisch ist. Besonders fies: Bei der Bestellung den Vornamen in “Hurensohn” umändern.

  • Gerüchte-Methode
    Bei den Nachbarn das Gerücht verstreuen, dass er einen kleinen Penis hat, seine Frau ihn deswegen betrügt und er so zu dem Choleriker wurde, der er jetzt ist. Ist zwar ein wenig kindisch, aber für den Effekt lohnt es sich allemal.


Jetzt tun mir schon wieder die Backen weh vom Lachen, also hör ich lieber auf… Zumindest für den Moment. Wir haben ja nun seinen Namen, seine Adresse, seine Telefonnummer, seine E-Mail-Adresse und jede Menge Infos über ihn. Zur passenden Zeit wird er es noch bereuen, uns so beschissen anzumachen.

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100 Wahrheiten, Folge 43: Krabbelvieh und Insekten

29. Juli 2009 1 Kommentar

Irgendjemand Gänsehaut gefällig?


Da ich die letzten drei Tage im schönen Nordhessen verbrachte und mir ein bisschen Landluft gönnte, hab ich nun auch ein paar Wahrheits-Themen ausgegraben, die damit im Zusammenhang stehen. Wunder dich also nicht, wenn das alles ein bisschen ländlich wirkt: Das ist so!

So schön die Natur auch sein kann, für einen Stadtmenschen ist sie doch ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Tagsüber summen überall Fliegen, in der Nacht wird man von blutsaugendem Getier angefallen, und in jeder Zimmerecke hängt etwas Langbeiniges. An dieser Stelle werden wahrscheinlich schon die ersten weiblichen Leser die Füße unter den Körper gezogen haben, um dieses gemeine Kribbeln wegzubekommen, aber glaubt mir: Uns Männern geht es manchmal nicht anders.
Auf einem Bauernhof wird man natürlich alle paar Sekunden von einem Fliegevieh erforscht, und das sorgte bei unserem Kurzurlaub für ein paar amüsante Aktionen, wenn zum Beispiel Alex bei jedem Kribbelgefühl laut “Aua!” schrie und mit wutentbranntem Gesicht nach allem schlug, was sich bewegte. Man kann von Glück reden, dass kein Glas zu Bruch ging.
Meinen Bruder konnte ich mit einer Spinne jagen, die ich – so dachte er – von der Zimmerdecke gefischt hatte und ihm hinten ins Shirt werfen wollte. Nachdem er ein bisschen geflohen war und meine Hände weggeboxt hatte, stellte sich allerdings raus, dass ich besagte Spinne gar nicht in den Händen hatte. Nein danke, ich fasse so Krabbelvieh auch ungern an. Selbst wenn ich weiß, dass so Kleingetier nicht giftig ist, kann ich das Gefühl so kleiner Beinchen nicht wirklich gut ertragen. Aber ärgern kann man Leute damit ungemein gut.

Kleine Sünden bestraft der liebe Gott allerdings sofort, und so wurde ich in der letzten Nacht von einer besonders fiesen Stechmücke heimgesucht, die sich ein paar Stunden lang über meinem Bett austobte und mich insgesamt fünf mal in Schultern und Rücken piekste. Da ich – wie so oft im Leben – Musik hörte, konnte ich natürlich auch nicht das eklig hohe Gesirre von dem Vieh ausmachen, also war ich ihr praktisch ausgeliefert. Glücklicherweise versagte morgens gegen halb sechs der Akku von meinem iPood, ich wurde von der Absenz jeglicher Musik wach und hörte im direkten Übergang das Gänsehaut verursachende “sssssssiiiiiiiiiiiiiiiiiiii“. Innerhalb von ein paar Sekunden war ich aus dem Bett, machte das Licht an und ging mit einem Shirt auf Mückenjagd. Die Schläge kamen mir selbst unnatürlich laut vor, aber nach drei Versuchen lagen dann sowohl die Stechmücke als auch eine Pferdebremse erledigt am Boden. Muahahar, Sieg. Schnell wieder zurück ins Bett.

Ekelvieh auf Distanz


Es gibt ja Leute, die kriegen selbst bei einer Fernsehdokumentation über Ameisen das kalte Grausen. Wenn in einem Afrika-Film die beachtlich hohen Termitenhügel erkundet werden, beißen gleich mehrere Frauen irgendwo rein. Und ich weiß noch, wie ich vor ein paar Jahren mal mit der Schulklasse einen Biologie-Film über eine Heuschreckenplage schauen musste, und was für abstoßende Laute aus den Reihen der Mädels kamen, das war echt beachtlich. Scheint, als hätten die von den Fernsehbildern und der puren Vorstellung schon genug gehabt.

Ich für meinen Teil war mal in Italien im Urlaub, als plötzlich eine Heuschreckenplage über das kleine Dorf niederging. Innerhalb von Minuten waren alle Straßen von krabbelndem Kleinvieh übersät, man verstand vor lauter Gesäge sein eigenes Wort nicht mehr, und wer das Pech hatte und zu dem Zeitpunkt des Angriffs in einem Straßencafé saß, konnte sein Stück Kuchen abschreiben. Wir Städter waren natürlich ziemlich angeekelt, und ich kann mich noch sehr genau an die Gänsehaut erinnern, die ich hatte, als dann plötzlich eins von diesen Dingern im Wohnzimmer saß und uns – irgendwie gierig – anglotzte. Meine Freundin fing fast panisch an zu kreischen, und die schnellste Reaktion, die ich hervorbringen konnte, war, den Teppich darüberzuwerfen und dann mit dem Besen nach draußen zu fegen. Es muss wahnsinnig komisch ausgesehen haben, aber in dem Moment hatte ich einfach so ein ekliges Gefühl am ganzen Körper, dass ich diesem Koloss nicht näher als einen Meter kommen wollte. Die Italiener, die sowas wohl alle paar Sommer erlebten, hatten da weniger Hemmungen: Sie sprangen barfuß auf die Straße und traten so viele Heuschrecken wie möglich platt, wobei jeder einzelne zerbrechende Chitin-Körper ein widerwärtiges Knacken und Knirschen von sich gab. In dieser Nacht schliefen wir alle ziemlich schlecht.

So, und jetzt bin ich gespannt, wieviele Leser sich nun am ganzen Körper kratzen müssen, weil ihre Einbildung ihnen vorgaukelt, da säße ein kleines Insekt auf der Schulter und weil es allgemein überall juckt und kribbelt. Ich für meinen Teil bin von den letzten drei Tagen Kummer gewöhnt und muss mich nur noch selten kratzen. Selbst die fünf Mückenstiche sind – mit ein bisschen Spucke – kaum noch spürbar.

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100 Wahrheiten, Folge 42: 42

29. Juli 2009 Keine Kommentare

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Die Welt wird untergehen.

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100 Wahrheiten, Folge 41: Alte Leute sind kontaktfreudig

29. Juli 2009 Keine Kommentare

Hallo junger Mann!


Wer kennt das nicht? Man sitzt irgendwo an einer Haltestelle, in irgendeinem Amt oder sonstwo und wartet auf etwas. Sei es auf den Bus, auf den staatlichen Angestellten oder gar auf ein Testergebnis beim Arzt. Und selten sitzt man bei solchen Warte-Gelegenheiten ganz allein, öfters sind noch ein paar ältere Herrschaften in nächster Umgebung, bei denen man nicht weiß, ob sie nicht vielleicht schon ein paar Tage dort hocken und einfach vergessen haben, auf was sie warten. Und da diese älteren Leutchen oft nicht mehr viel sozialen Umgang haben, proben sie das natürlich gern an total fremden Personen, um auch ja nicht einzurosten.

So geschah es mir, als ich am Sonntagnachmittag mit dem Bus fahren wollte. Sonntags fahren die Busse natürlich nicht ganz so regelmäßig wie an Werktagen, also muss man schon mit ein bisschen Wartezeit rechnen, und da ich schon daran gewöhnt bin, habe ich grundsätzlich die Ohrstöpsel in den Ohren und lausche genüsslich meiner Lieblingsmusik. Ich saß also ein paar Minuten an der Haltestelle und summte ein bisschen die Lyrics von In Fear And Faith mit, als plötzlich eine ältere Dame auf mich zugewackelt kam, mich angrinste und irgendwas sagte. Ich entfernte eher lustlos die Ohrstöpsel und fragte: “Wie bitte?” und sie antwortete mit einem großmütterlichen Lächeln: “Jetzt ist uns der Bus weggefahren. Jetzt müssen wir warten. Das dauert immer so lange.

Ächz. Ja, ist gut. Ich hab ehrlich gesagt absolut keine Lust, mich mit Fremden über so einen Quark zu unterhalten. Also kurz genickt und demonstrativ wieder die Ohrstöpsel eingesteckt. Und siehe da, die Olle schien es zu kapieren und wackelte an mir vorüber, setzte sich ein bisschen entfernt auf einen freien Platz und schwieg.
Es dauerte allerdings keine zwei Minuten, als erneut jemand auf mich zugewackelt kam, diesmal ein älterer Herr mit einem sehr erbosten Gesicht. “Was steht da?” blökte er mich an, nachdem ich die Ohrstöpsel wieder rausgenommen hatte. Er zeigte großspurig auf die Tafel, auf der die Busfahrzeiten stehen, und grollte: “Letztens stand da noch Juli. Jetzt steht da schon August! Das ist doch typisch!
Oh Mann. Nochmal halbwegs freundlich nicken, Ohrstöpsel wieder ins Ohr und einfach zur Seite drehen. Der Opa schien das aber nicht so gut zu verstehen wie die Oma vorher, er laberte einfach weiter auf mich ein und versuchte mich davon zu überzeugen, dass die VGF ja ein Ausbund der Unverschämtheit sei und ihn mit Absicht immer länger als notwendig warten lassen würde. Er war tatsächlich der Ansicht, dass er der Einzige sei, der auf den Bus warten müsste. Zumindest hab ich das in einer kurzen Pause zwischen zwei Liedern rausgehört.

Ist das denn nur bei mir so? Bin ich der Einzige, dem das so auf den Keks geht, wenn einen alte Leute ununterbrochen ansprechen und mit ihren Problemchen zulabern müssen? Ist ja durchaus verständlich, dass sie – wenn sie mal unterwegs sind – so viel wie möglich reden wollen, da sie ja sonst kaum Gelegenheit dazu haben. Aber muss das ausgerechnet immer dann sein, wenn ich in der Nähe bin?
Na gut, ich hab das ja auch schon mehrfach beobachtet, als ich ausnahmsweise mal nicht Opfer der Palaver-Attacke war. Da marschieren alte Omis in die U-Bahn und bekommen von einer jungen Dame – so wie es sich gehört – einen Sitzplatz angeboten. Die Dankbarkeit über diese so simple Geste wird aber nicht nur in einem “Danke” ausgedrückt, oh nein. Da wird ein ganzer Roman geschwallt.
Ach, das ist aber nett. Wissen Sie, es ist ja so schwer, im Alter noch richtig stehen zu können. Und das Laufen geht auch nicht mehr so gut. Manchmal verbringe ich zehn Minuten damit, überhaupt aufzustehen. Seit meiner Operation an der Hüfte muss ich auch diese Gehstöcke benutzen, dabei mag ich die überhaupt nicht. Sie sehen aus wie meine Enkelin, die ist genauso hübsch wie Sie. Ach, wenn doch mein Mann nur noch leben würde, der würde Ihnen auch sagen können, wie hübsch Sie sind. Kennen Sie meine Enkelin? Hier, ich zeige Ihnen mal ein Foto.

Argh! Entschuldigung, aber wen interessiert das? Es heißt doch nicht umsonst “Dein Problem!” Es scheint, als bliebe mir wirklich nur die eine Möglichkeit, dem Gelaber zu entfliehen: Musik lauter machen, gebannt auf die vorüberziehende Landschaft schauen und je nach Möglichkeit einfach stehenbleiben, am besten außerhalb der Reichweite der für alte Leute beliebten Sitze mit dem weißen Kreuz darüber.

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